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Gleichberechtigung, Digitalisierung, Coworking

Von Redaktion | 9. Juli 2018

Johanna Voll

FCZB-Vorstandsfrau Johanna Voll ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Europa-Universität Viadrina © S. RügerJohanna Voll ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

Dort beschäftigt sie sich mit neuen Formen der Erwerbsarbeit, insbesondere mit Coworking-Spaces und schaut aus soziologischer Perspektive auf die kollaborative Praxis innerhalb dieser neuen Arbeitsorte. Gemeinsam mit ihren Studierenden und im Rahmen ihres Dissertationsprojektes erforscht sie neue Formen der Gemeinschaftsbildung in der Spätmoderne.

Ehrenamtlich aktiv ist Johanna Voll u.a. im erweiterten Vorstand der German Coworking Federation e.V. und der European Coworking Assembly aktiv. Hier ist sie u.a. an der Entwicklung einer digitalen Forschungsdatenbank beteiligt, der Coworking Library. In ihrem Wohnort Halle setzt sie sich mit dem Schwemme e.V. für den Erhalt einer alten denkmalgeschützten Brauerei ein, auch um diesen Ort perspektivisch als kollaborativen Arbeitsort zu öffnen. Gelegentlich unterstützt sie die Stiftung Bürgermut in Berlin im Organisationsteam der Opentransfer-Camps im gesamten Bundesgebiet.

Was treibt Sie an?

Der rege Austausch mit meinem Studierenden hat einen großen Einfluss auf meine tägliche Arbeit. Ich versuche oft, Konzepte im Bereich des Forschenden Lernens umzusetzen und sowohl in Lehre als auch meinen anderen Projekten wirklich gemeinsam auf ein Ziel hinzuarbeiten. Der Prozess, im Sinne eines gemeinsam gestalteten Weges und die Einbeziehung aller, ist mir dabei wichtiger als eine reine Ergebnisorientierung. Ich bin von dem tiefen Glauben überzeugt, dass der Mensch grundlegend gerne kooperiert und erst durch Vielfalt und Inklusion wirkliche Weiterentwicklung und letztlich auch Innovation stattfindet.

Wie ist die Verbindung zum FCZB entstanden?

Eine gute Freundin machte mich auf das FCZB aufmerksam. Zugegebenermaßen kannte ich es vorher nicht und musste feststellen, dass es viele Überschneidungspunkte zu mir bekannten Frauenprojekten gibt. Diese möchte ich vernetzen und an bestehenden, aber auch neu initiierten Projekten, Weiterbildungen, Meetup- und Workshopformaten mit meiner Expertise mitwirken.

Im täglichen Umgang mit Studentinnen und Studenten, meist der Kulturwissenschaften, kommt es immer wieder zu lebhaften Diskussionen. Feminismus wird dabei teilweise negativ konnotiert verwendet und viele Erfolge der langjährigen Frauenbewegung als selbstverständlich wahrgenommen. Auch vielen Vertreter*innen meiner Generation ist nicht bewusst, wie wichtig die Errungenschaften sind, die bereits erkämpft wurden. Noch immer gibt es so viele Bereiche, in denen wir von wirklicher Gleichstellung weit entfernt sind. Mit meinem Engagement möchte ich hier anschließen und die Diskussion auch im Bereich der neuen Arbeitsformen weiterführen.

Seit annähernd zehn Jahren bin ich alleinerziehend. Ich habe in dieser Zeit zwei Studienabschlüsse erworben, versucht, diverse Jobs – angestellt, aber auch freiberuflich – unter einen Hut zu bekommen und ein Promotionsprojekt aufgenommen. In Bewerbungsgesprächen, im Alltag oder im Kontakt mit Auftraggeber*innen sah ich mich immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert. Diese hatten nicht immer mit meinen Kompetenzen im jeweiligen Feld zu tun, sondern mit Kinderbetreuungsabsicherungsmaßnahmen, übergriffigen Kommentaren zum fehlenden Vater oder einer generellen Kritik an meinen Lebensentscheidungen. Damit sich das für meine Tochter ändert, engagiere ich mich in der Frauenbewegung.

Wo sehen Sie die besonderen Potenziale des FCZB?

Das engagierte Team und der langjährig aktive Verein sind die starken Grundpfeiler des FCZB. Gerade im Zuge des Wandels der Arbeitswelt ist es wichtig, die Vermittlung digitaler Kompetenzen stets mit den tatsächlichen Ansprüchen abzugleichen. Ich sehe das FCZB daher in erster Linie als einen Ort der Zukunft mit viel Potenzial, den Vor- und Nachteilen der Digitalisierung von Arbeit und Leben angemessen zu begegnen – auch vor dem Hintergrund tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen. Die zahlreichen Projekte zeigen schon jetzt, wie außerordentlich breit das FCZB dabei aufgestellt ist und für alle Themen Expertinnen und Lernende zusammenbringt.

Welche gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen sind wichtig, um Gleichstellung und Vielfalt umzusetzen?

Ich denke, eine wichtige Herausforderung bleibt auch im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung die soziale Ungleichheit. Bildung und wirkliche Teilhabe müssen daher stets oberste Priorität haben – immer gepaart mit folgenden Fragen: Wen vergessen wir hier gerade? Wie offen sind wir und unsere Angebote wirklich? Dazu ist die Pflege einer Kultur der Toleranz und Akzeptanz auf Basis von absoluter Gewaltfreiheit unabdingbar. Das FCZB bietet dafür einen idealen Rahmen.

In Hinblick auf die technologischen Entwicklungen bedeutet das: Dranbleiben, aber nicht um jeden Preis. Mit dem Phänomen der digitalen Spaltung (Digital Divide) kann beschrieben werden, dass eben nicht alle von der rasanten Weiterentwicklung profitieren (können). Dabei geht es neben Einkommensunterschieden auch um Bildung, Zugang zu Internet und Technik, Herkunft, Alter oder ganz banal den Stromanschluss. Die Förderung im Bereich „Digital Empowerment“ ist daher wichtiger denn je.

Dabei bieten die oben beschriebenen Veränderungen der Arbeitswelt besondere Potenziale (aber auch Risiken!) in Hinblick auf berufliche Teilhabe von Frauen. Durch flexiblere Optionen zur oft selbstbestimmten Wahl von Arbeitszeit und -ort lassen sich sowohl Erwerbsarbeit, Carearbeit und ggfs. Ehrenamt individuell arrangieren. Natürlich betrifft diese Freiheit nicht alle Berufsprofile gleichermaßen, aber doch immer mehr. Viele Jobprofile der Zukunft sind uns heute noch nicht bekannt. Wichtig ist daher, dass wir diese gemeinsam gestalten. Das FCZB könnte hier als Hub eine zentrale Rolle einnehmen.

Mit welcher Expertise können Sie das FCZB auf diesem Weg unterstützen?

Ich sehe mit der Vergrößerung der Geschäftsräume auch das Potenzial der Schaffung eines kollaborativen Arbeitsortes jenseits der bestehenden Computerpools und Schulungsräume. Dieser sollte im besten Fall niedrigschwelligen Zugang für alle Frauen bieten, um dort Projekte gemeinsam oder alleine umzusetzen, an Ideen zu spinnen und die Wirkung des gut aufgebauten Netzwerks rund um das FCZB zu entfalten. Auch die Umsetzung innovativer Veranstaltungsformate geht damit einher. Mein bestehendes Netzwerk aus der deutschen, aber auch europäischen Coworking-Szene sowie meine universitären Kontakte bringe ich dabei gerne ein.

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