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Victoria Woodhull und die Digitalisierung

Von Redaktion | 6. März 2018

Antje Schrupp: Das Aufsehen erregende Leben der Victoria WoodhullVictoria Woodhull war die erste Präsidentschaftskandidatin der USA – und ihrer Zeit so weit voraus, dass wir heute noch etwas von ihr lernen können.

Meint FCZB-Geschäftsführerin Dr. Karin Reichel und empfiehlt das Buch Das Aufsehen erregende Leben der Victoria Woodhull.

Die US-amerikanische Brokerin und Verlegerin unterstützte 1870 die Frauen, die damals für das Frauenwahlrecht kämpften. Groß geworden in einer Unterschichtfamilie, verdiente sie als erste Frau an der Wall Street ein Vermögen und war wesentlich radikaler als die überwiegend „respektablen“ Frauen aus dem bürgerlichen Mittelstandsmilieu.

Frauen mischen sich ein

Während die meisten amerikanischen Feministinnen des 19. Jahrhunderts von dem ausgingen, was Frauen fehlte: Rechte, Bildung, Fähigkeiten, betonte sie, was Frauen haben: Energie, Durchsetzungsfähigkeit und den starken Wunsch, etwas zu verändern. Woodhull selbst hat sich anscheinend nie die Frage gestellt: Was darf ich, was ist mir erlaubt? Sondern: Was will ich und wie kann ich es erreichen?

Im Gegensatz zu den Frauenrechtlerinnen ihrer Zeit, die vor allem mit Vorträgen, Veröffentlichungen und Kongressen ihre Argumente in die öffentliche Debatte einbrachten, aber wenig damit bewirkten, erklärte Victoria Woodhull kurzerhand, dass die Frauen das Wahlrecht bereits hätten; denn die Bürgerinnen von Woyming durften ihre Stimme bei den Kommunalwahlen bereits abgeben.

Woodhull bezog sich bei ihrer Begründung auf die amerikanische Verfassung, nach der die Bürger jedes Staates alle Privilegien haben sollten, die die Bürger in den einzelnen Staaten haben. Dass diese Begründung nicht juristisch nicht haltbar war, weil Woyming zu dem Zeitpunkt noch nicht zu den Vereinigten Staaten gehörte, schreckte Woodhull nicht ab.

Sie richtete sich mit ihren Appellen nicht an die Männer, um diese zu bitten, den Frauen das Wahlrecht zuzugestehen, sondern forderte die Frauen auf, ihr Recht auf politische Mitbestimmung in Anspruch zu nehmen und darauf zu bestehen, sich in die Politik einzumischen und politische Verantwortung zu übernehmen.

Woodhull war es wichtiger, dafür zu kämpfen, dass Frauen wählen wollen, als dafür, dass sie wählen dürfen. Und obwohl andere Frauenrechtlerinnen befürchteten, dass Frauen in der Politik ihre weiblichen Werte und Tugenden verlieren, kündigte Woodhull selbst mit Chuzpe ihre Kandidatur für die Präsidentschaft an.

Für eine bessere Gesellschaft

Victoria Woodhull wollte nicht nur wählen gehen und gewählt werden, sondern eine bessere Gesellschaft gestalten: Sie trat u.a. ein für freie Liebe, den Achtstundentag, ein Wohlfahrtssystem für die Armen, eine bessere Schulbildung, Gefängnisreformen, die Abschaffung der Todesstrafe sowie der Ehegesetze und die Einrichtung eines internationalen Gerichtshofes.

Aus eigener Erfahrung war sie der Überzeugung, dass es bessere Mittel für Frauen gab, ihre Interessen zu vertreten: „Dass Frauen Geld verdienen können, ist ein besserer Schutz gegen die Tyrannei und Brutalität von Männern, als dass sie wählen können.“ Sie trat nicht als Bittstellerin auf, sondern war offensichtlich eine vehemente Vertreterin von Empowerment, d.h. der (Selbst-)Ermächtigung von Frauen – und damit kann sie heute noch ein Vorbild für uns sein.

Ganz im Sinne von Woodhull ist auch bei uns im FrauenComputerZentrumBerlin (FCZB) das Thema Empowerment die gemeinsame Klammer, die alle unsere Projekte eint. Empowerment meint Mut machende Prozesse, in denen Menschen, die benachteiligt oder gesellschaftlich ausgegrenzt, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, sich ihrer Fähigkeiten bewusst werden, eigene Kräfte entwickeln und zu einer selbstbestimmten Lebensführung kommen.

Auch wenn die heutige gesellschaftliche Situation eine andere ist als im Amerika des 19. Jahrhunderts, spielt die (Selbst-)Ermächtigung von Frauen, aber auch von anderen benachteiligten Gruppen, nach wie vor eine entscheidende Rolle, um gesellschaftlich teilzuhaben.

Wir im FCZB wollen mit unseren Fortbildungen und Beratungen dazu beitragen, dass Frauen (und Männer) wirtschaftlich auf eigenen Füßen stehen können– unabhängig von, ob sie nicht erwerbstätig oder von Armut betroffen sind, mit Behinderungen oder anderen Benachteiligungen leben oder Geflüchtete sind.

Die immer weiter voranschreitende Digitalisierung und die damit verbundenen Auswirkungen von Arbeit 4.0 werden die Gender Gaps und den Digital Divide voraussichtlich eher vertiefen statt beseitigen. Vor diesem Hintergrund spielt das Thema Empowerment auch in Zukunft eine große Rolle. Gemeinsam sollten wir Antworten finden auf die Frage: Was wollen wir und wie können wir es erreichen?

Und wie Victoria Woodhull sollten wir nicht abwarten, welche Entscheidungen andere für uns treffen, sondern uns einmischen und aktiv mitgestalten, wie unsere Gesellschaft aussehen soll.

Dr. Karin Reichel

 

Buchempfehlung

Antje Schrupp: Das Aufsehen erregende Leben der Victoria Woodhull. Ulrike Helmer Verlag, Königstein im Taunus 2002 Neuausgabe erschienen bei Buch & Netz, Zürich 2015. ISBN 978-3-03805-040-7

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