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Die Scham ist vorbei = Web2.0 und die Nach-68er-Frauenbewegung

Von Redaktion | 28. Juli 2009

Manchmal denke ich, dass die Frauenbewegung an allem schuld ist. An der ganzen Web2.0-Geschichte.

Hätte es 1976 schon Blogs gegeben, hätte Anja Meulenbelt den Feminismus-Klassiker Die Scham ist vorbei bestimmt nicht als Buch veröffentlicht, sondern gebloggt. So wundert es auch nicht, dass Frau Meulenbelt heute natürlich bloggt, auch wenn ihre Themen heute ein wenig andere sind als damals und sie beispielsweise sehr engagiert für die iranische Oppositionsbewegung schreibt. Einer der wichtigsten Slogans, den die in den späten 60er-Jahren entstandene Frauenbewegung geprägt hat, ist Das Private ist das Politische. Es gab auch andere denkwürdige Slogans wie Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen. Das Private wurde als politisch relevant erkannt, schon allein, weil derjenigen, die alleine einen Haushalt mit Kindern schmeißt, gar keine Zeit mehr für die Politik bleibt. So war plötzlich alles politisch und damit wert, ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt zu werden. Die Stern-Aktion von 1971, in der 374 Frauen bekannten: Wir haben abgetrieben, die Kinderladen-Bewegung, die strafrechtliche Verfolgung von Vergewaltigung in der Ehe und nicht zuletzt sämtliche Gleichstellungsgsetze, all das stand unter dem Zeichen einer Politik-Auffassung, die in der Unterdrückung und Ungleichbehandlung im Privatleben den Keim der Ungleichheit im finanziellen Bereich, in Sachen Karrierechancen und politischer Teilhabe erkennt.

Aus dieser Einstellung heraus hat sich eine Kultur des öffentlich gemachten Privaten entwickelt, die unter anderem in der Bekenntnis-Literatur der 70er- 80er Jahre Ausdruck fand. In neu gegründeten Frauenverlagen und später auch in Frauenreihen großer Mainstreamverlage wie Fischer (Frau in der Gesellschaft) und Rowohlt (neue frau) wurden in der Hauptsache autobiographische Berichte und Beichten, Tagebücher und verwandte Genres neben politischen Titeln veröffentlicht. In Buchform gegossene Blogs also.

Auch die Struktur der Frauengruppen, die politisch arbeiteten, gleichzeitig aber meist auch Selbsterfahrungsgruppen waren, könnten Web2.0-Vorläufer sein. Dort hatte das Private und Intime einerseits einen großen Raum, es wurde  viel aus dem Handtäschchen geplaudert, andererseits haben sie häufig den Grundstein für funktionierende soziale Netzwerke gelegt – das lässt eindeutig das Prinzip von Facebook und Co. erkennen, oder?

Ohne die Idee, dass alles Private es wert sei, an die Öffentlichkeit gezerrt zu werden, dass jede private Meinung öffentlich geäußert werden, ist die Entstehung des Web2.0 nicht denkbar. Und hin und wieder schleicht sich sich mir der Gedanke ein, dass wir, also auch ein Großteil z.B. der FCZB-Mitarbeiterinnen, die einstigen frauenbewegten Frauen der 80er Jahre den Weg fürs Web2.0 geebnet haben. Und nun weiß ich nicht so recht, ob ich stolz sein oder uns verfluchen soll?

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