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Wessen Internet? Geschlechterverhältnisse und Gender-Debatten im Netz

Von Redaktion | 11. Mai 2015

Zu diesem Thema hat die Friedrich Ebert Stiftung in Berlin am 22. April 2015 zu einer Tagung eingeladen. CSMM-Teilnehmerin Senta Brockmann war dabei und berichtet über ihre persönlichen Highlights.

Dr. Ricarda Drüeke, Universität Salzburg, bei der FES-Tagung "Wessen Internet?" im April 2015 in Berlin (c) Manuela PlathMein erster Eindruck? Tolles Ambiente, interessantes Programm. Allerdings: die Mitarbeiterinnen machen den Eingangsservice, betreuen den Büchertisch und sind fleißig dabei nett und freundlich zu den Besuchern zu sein. Die Mitarbeiter dagegen sorgen für die Technik der Tagung. Sie filmen, fotografieren, machen die Soundtechnik. Das Catering dagegen ist gemischt besetzt. Soweit die analogen, beruflichen Geschlechterverhältnisse vor Ort.

Nach einleitenden Worten beginnt Ricarda Drüeke von der Uni Salzburg mit ihrem Vortrag „Gender Online – zwischen feministischen Interventionen und antidemokratischen Backlash“, den sie leider einen Tick zu schnell hält. Ein motziger Publikumsbeitrag eines Mannes – das man(!) einen 90-minütigen Vortrag nicht in 25 Minuten packen sollte und nicht schneller sprechen als man(!) artikulieren kann – bildet den Auftakt. Wie ich später im Netz herausfinde, ist dieser Mensch ein aktiver Maskulinist. „Der erste Troll ist durch“ lautet der passende Tweet im Netz dazu.

“girlfriend mode“?

Maike Groen, Sozialwissenschaftlerin der Universität Göttingen, Rednerin bei der FES-Tagung in Berlin "Wessen Internet?" (c) Manuela PlathIm weiteren Verlauf gab es noch einige spannende Beiträge und neue Erkenntnisse für mich. So habe ich beispielsweise nicht gewusst, dass man den „easy mode“ in der Gaming-Szene auch gern mal als „girlfriend mode“ bezeichnet. Maike Groen von der Universität Göttingen, selbst aktive Gamerin, sprach über den „Sexismus in der Gamer-Szene“ und den so genannten „Gamergate“, der seit August 2014 kontrovers vor allen Dingen im Netz diskutiert wird.

Sich dafür einzusetzen, dass weiterhin eine Frau auf der britischen 5-Pfund-Banknote abgebildet ist, ist nichts besonders? Die britische Feministin Caroline Criado-Perez wurde dafür mit einem unglaublich hasserfüllten Shitstorm überhäuft – sie erhielt unter anderem Mord- und Vergewaltigungsdrohungen. Ein beeindruckender Vortrag der mich nachdenklich gemacht hat. In was für einer Welt leben wir eigentlich?

Männer im Netz

Robert Claus bei der FES-Tagung "Wessen Internet?" im April 2015 in Berlin  (c) Manuela PlathWährend das Thema Maskulinismus und die selbst ernannte Männerrechtsbewegung in der analogen Welt eher wenig sichtbar und zum großen Teil sogar unbekannt sind, sind sie im Netz dafür umso präsenter. Der Autor und Wissenschaftler Robert Claus zeigte in seinem Vortrag wie Maskulinismus im Netz funktioniert. Die relativ kleine Gruppe von Maskulinisten ist vor allen Dingen in Foren unterwegs und nutzt diese als Plattform um ihre antifeministischen Forderungen und Ansichten wirksam zu verbreiten. Eine ziemlich unerträgliche und dennoch nicht zu unterschätzende Entwicklung, wie ich finde.

Die Reproduktion von männlichen Machtverhältnissen am Beispiel Wikipedia verdeutlichte der Soziologe Andreas Kemper in seinem kleinen, aber sehr informativen Vortrag. Ein paar Zahlen? In Deutschland gibt es nur sechs bis neun Prozent Autorinnen und gut 90 Prozent der Admins, also der Menschen, die bei Wikipedia entscheiden, ob ein Artikel so bleibt wie er ist und es ihn überhaupt gibt, sind Männer. Ein weiterer interessanter Fakt. Das generische Maskulinum ist bei den Kategorienamen auf Wikipedia die Norm. Das Projekt „Women Edit“ geht gegen diese Verhältnisse an und unterstützt und organisiert Frauen dabei sich aktiv bei Wikipedia zu beteiligen – also Artikel zu schreiben.

Hass in 140 Zeichen

Podium bei der FES-Tagung "Wessen Internet?" im April 2015 in Berlin  (c) Manuela PlathAuch auf Twitter tobt der Geschlechterkampf. Die selbsternannte „Twitter-Erklärbärin“ der Veranstaltung, Helga Hansen, Bloggerin und Netzfeministin, zeigte, wie „Hate Speech“ auf Twitter tagtäglich benutzt wird um feministische Tweets zu diffamieren. Unglaublich gewaltverherrlichende Hashtags und ein umständliches Meldesystem bei Twitter sorgen dafür, dass sich die Tweets erst einmal ungehemmt verbreiten können und erst nach einiger Zeit aus dem Netz genommen werden.

Katja Grieger vom Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe erklärte in ihrem Vortrag sehr eindrücklich, wie alltäglich Cybergewalt gegen Frauen geworden ist. Dabei werden mittlerweile nicht mehr „nur“ diffamierende Bilder online gestellt. Die Möglichkeiten des Internet werden dabei voll ausgeschöpft. Die Cybergewalt kann zu jeder Uhrzeit, völlig anonym und von jedem Rechner der Welt aus verübt werden. Der bekannte Satz „Das Netz vergisst nichts“ versetzt die Opfer in ein großes Gefühl von Ohnmacht und Kontrollverlust. Die finanziell schlecht ausgestatteten Beratungsstellen sehen hier erst den Beginn einer immer größer werdenden Form von Gewalt.

Wessen Internet also?

Eine Frage, die mich noch länger beschäftigen wird. Und eine Tagung, die in mir ein noch stärkeres Bewusstsein für die vorherrschenden Verhältnisse geschaffen hat, und das nicht nur online. In meinem Kopf schwirren viele lose Fäden, die erst noch verknüpft werden müssen. In meinem Notizbuch stehen viele Links und Stichworte, die noch gelesen und recherchiert werden wollen.

Topics: Arbeitswelt & Weiterbildung, Bildung & Politik, Feminismus, Social Media | 1 Kommentar »

Ein Kommentar to “Wessen Internet? Geschlechterverhältnisse und Gender-Debatten im Netz”

  1. Christine Olderdissen meint:
    28.Mai 2015 at 12:46

    Danke, liebe Senta Brockmann, für den Bericht über Deine Eindrücke. Auch ich, ebenfalls ehemalige FCZB-Absolventin, war über das, was bei der FES-Veranstaltung zur Sprache kam, entsetzt.
    Mein Bericht steht im Watchsalon, das Blog des Journalistinnenbundes:
    http://watch-salon.blogspot.de/2015/04/wessen-internet-genderhass-statt.html
    Gruß Christine

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