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Starke Frau – für starke Frauen

Von Katrin Schwahlen | 13. Oktober 2014

Elisa Marchese, Geschäftsfeldmanagerin Wiedereinstieg (c) FCZB 2014
Elisa Marchese arbeitet seit Juli 2014 im FCZB. Die 32-jährige Frankfurterin ist studierte Soziologin und im FrauenComputerZentrum für den Bereich „Wiedereinstieg“ verantwortlich. Im Interview erzählt die Geschäftsfeldmanagerin über das, was ihr bei der Arbeit wichtig ist: Frauen. Feminismus. Politik und Gesellschaft.

1984, im Gründungsjahr des FCZB, ging es darum, Frauen Angebote zu machen, mit denen sie nach (damals noch langer) Familienzeit in den Beruf zurückkehren konnten. Mitte der 1980-er Jahre ging es vor allem darum, Computerkenntnisse zu erwerben. Auch, wenn sich seit damals viel geändert hat, bleibt das Thema Computer und Wiedereinstieg bis heute aktuell.Was also sind die Aufgaben einer Geschäftsfeldmanagerin?

Elisa Marchese: „Das Wichtigste ist die Frage: Was brauchen die Frauen, die aus verschiedensten Gründen gerade nicht in Lohn und Brot stehen, das aber gerne möchten. Frauen, die in den vergangenen Jahren Kinder erzogen haben, ihren Männern den Rücken freigehalten, Eltern und Schwiegereltern gepflegt. Sie haben ganz viele Kompetenzen, werden auf dem Arbeitsmarkt aber nicht als kompetente Frauen und Arbeitskräfte wahrgenommen.

Gleichzeitig gibt es Akademikerinnen mit ganz viel Erfahrung, die auch Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt haben. Für sie geht es darum, die vorhandenen Kenntnisse weiterzuentwickeln.
Und dann haben wir Frauen mit gesundheitlichen Problemen oder aus ganz unterschiedlichen Lebenssituationen, und wir überlegen, wie wir diese Frauen auffangen und befähigen können, selbstbestimmt ihr Leben zu gestalten.“

Politik und Individuum

Als Soziologin sieht Elisa Marchese das Individuum immer im Kontext, eingebettet in Strukturen und Systeme, die Prozesse ermöglichen oder nicht. „Das sieht man zum Beispiel daran, ob Frauen Führungspositionen erreichen oder nicht. In anderen Ländern ist es kein Widerspruch, dass eine Frau Staatsanwältin ist und vier Kinder hat. Niemand bezweifelt, dass sie beides gut macht. In Deutschland ist frau ständig in diesem Spannungsfeld. Und das wird auf lange Sicht den Vätern, den Männern auch nicht gerecht. Da ist noch total viel zu tun.“

30 Jahre sind seit dem ersten FCZB-Kurs vergangen. 30 Jahre, in denen sich viel getan hat im Bereich Frauenförderung und Gleichberechtigung. Braucht es wirklich noch Angebote, die sich nur an Frauen richten?

„Auf jeden Fall“, meint Elisa Marchese. Auch wenn die Benachteiligung von Frauen nicht mehr so offensichtlich sei wie in den 70er-Jahren, gebe es noch viel zu tun. Denn durch den gesellschaftlichen Wandel in den vergangenen Jahrzehnten sei viel Verantwortung auf die individuelle Ebene verlagert worden. „Das ständige Fokussieren auf Individualität negiert jegliches System sozialer Ungleichheit. Und wenn irgendwas nicht funktioniert, dann ist es eine individuelle Schuld; denn wir hatten ja angeblich alle Möglichkeiten.“

Nur für Frauen

Hier setze das FCZB an: „Es geht nicht um das vermeintlich individuelle Versagen der Frauen, die bei uns im Kurs sind, sondern es geht um strukturelle Benachteiligungen, die gewisse Entscheidungsfreiheiten ausschließt. “ Innerhalb dieser Bedingungen habe sich das FCZB klar positioniert und orientiere sich an den Bedürfnissen der Zielgruppe. „Wir können ja nicht warten, bis sich die politischen Bedingungen irgendwann mal ändern. Wir wollen den Frauen jetzt helfen.“

Familiäre Gender Studies

Elisa Marchese hat in Bamberg, Galway (Irland), Paris und Palermo studiert und gelebt. Aufgewachsen ist die Halbitalienerin in einer binationalen Familie in Frankfurt am Main. „Es gab immer verschiedene Rollenbilder und gesellschaftliche Vorbilder, die aufeinander gestoßen sind.“ Ihr sei schon früh aufgefallen, dass sie in Deutschland Entwicklungsmöglichkeiten hatte, die ihren Cousinen in Italien nicht gegeben waren. Das habe sie sehr geprägt. Auch Gleichberechtigung sei immer ein Thema gewesen.

„Das wurde vorgelebt und immer aktiv diskutiert. Und wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, sieht man, dass allein erziehende Frauen die größte Gruppe sind, die von Armut betroffen ist. Dass junge Familien sich abstrampeln, um Beruf und Familie zu vereinen. Und dann doch die Frau zu Hause bleibt. Mütter, die eine geringe Rente bekommen und für die das Risiko der Altersarmut groß ist. Oder auch das Ehegattensplitting, dass das Anderthalb-Ernährer-Familienmodell immer noch fördert.“

Elisa Marchese, Geschäftsfeldmanagerin Wiedereinstieg (c) FCZB 2014

(K)eine Wahl?

Diese Aspekte sprächen immer noch gegen wirkliche Gleichstellung, Chancengleichheit und Geschlechtergerechtigkeit. Stattdessen werde Wahlfreiheit suggeriert, denn frau habe ja alles erreicht. „Meine Generation denkt manchmal, wir haben das schon längst überwunden. Bis wir dann selber Kinder kriegen, in dieselbe Falle tappen und plötzlich merken, Beruf und Familie sind überhaupt nicht so vereinbar. Dann heißt es oft: Wenn du als junge Mutter arbeiten gehst, liebst du deine Kinder nicht. Bleibst du zu Hause, bist du das Mütterchen. Es ist total übergriffig, wie man das Verhalten von Frauen in der Gesellschaft konnotiert. Sei es über die Körperlichkeit, sei es über die Möglichkeit, eine gute Mutter oder Karrierefrau zu sein. Ich sehe nicht, dass wir da jetzt wirklich irgendetwas überwunden haben.“

Allein unter Frauen? Gemeinsam mit Frauen!

Das FCZB wurde1984 von Frauen gegründet. Die Zielgruppe für Wiedereinstiegsangebote sind Frauen. Der Unterricht wird von Frauen durchgeführt. In allen Positionen, von der Geschäftsführung bis zur Verwaltung, arbeiten Frauen. Bisher hat Elisa Marchese in gemischt-geschlechtlichen Teams gearbeitet, und sie ist beeindruckt von der Atmosphäre im FCZB: „Ich glaube, die Art und Weise, wie man die Welt sieht, wie man die Bedürfnisse der Frauen wahrnimmt, warum man sich der Zielgruppe annimmt, das färbt darauf ab, wie hier miteinander kommuniziert wird. Es ist ein sehr konstruktives und zielorientiertes Arbeiten.“

Bei der Arbeit spiele auch der bewusste Umgang mit Sprache und Kommunikation eine große Rolle. “Ich war in der Wissenschaft, dort wird häufig oft ganz rational argumentiert. Ich war in der freien Wirtschaft, wo die männlichen Platzhirsche erst mal in Frage stellen, ob du als Frau überhaupt etwas zu sagen hast. Diese Mechanismen gibt es tatsächlich. Im FCZB ist es anders, hier ist es gelebte Organisationskultur. Dazu gehört auch das Arbeitsklima, die Arbeitsatmosphäre, die Arbeitsplatzgestaltung, die Freiheit von Präsenzzeiten und Homeoffice.

Wenn wir sagen, wir setzen uns für die Rechte von Frauen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein, für die gesellschaftliche Teilhabe am Arbeitsmarkt und am Arbeitsleben und Selbstbestimmung, dann ist es logisch, dass man das auch für die eigenen Mitarbeiterinnen macht.“

Keine Frage des Alters

Viele Mitarbeiterinnen arbeiten schon seit vielen Jahren im FrauenComputerZentrumBerlin, selbst einige Gründerinnen sind noch dabei. Für Elisa, die nur zwei Jahre älter als das FCZB ist, eine ungewohnte Situation: „Für eine Frau aus meiner Generation ist es spannend, dass es Arbeitgeber gibt, die so lange an ihren Mitarbeiterinnen festhalten. Das ist ja nicht selbstverständlich, schon gar nicht in einem Bereich, der sich immer über neue Projekte finanzieren muss. Das zeigt eine große Loyalität der Organisation gegenüber ihren Mitarbeiterinnen. Und gleichzeitig zeigt es die Loyalität und das Engagement der Mitarbeiterinnen gegenüber der Organisation.“

Es werde ihr sehr leicht gemacht, hier zu arbeiten. „Ich bin deutlich jünger, aber ich bin niemandem begegnet, der gesagt hat, das haben wir immer schon so gemacht. Bisher sind mir gegenüber alle sehr offen, und ich habe das Gefühl, dass sie sich freuen, dass neuer Wind kommt. Aber ich will ja nicht alles umschmeißen, sondern bin dankbar, mit Kolleginnen arbeiten zu können, die eine riesige Expertise haben, die seit Jahren in ihrem Thema arbeiten und von denen ich eine Menge lernen kann.“

Elisa Marchese, Geschäftsfeldmanagerin Wiedereinstieg (c) FCZB 2014Feministin? Ja!

Das „Ja“ zum Feminismus kommt aus voller Überzeugung. „Ich möchte eine Politik, die sich für Frauen einsetzt, aber nicht gegen Männer. Für Frauen und Männer und Transgender und Lesben und Homosexuelle, die ganze Vielfalt eben. Ich möchte, dass wir Heteronormativität überwinden. Dass Geschlecht als Merkmal auf lange Sicht verschwindet.“

Doch dazu müsse man erst mal auf das Problem aufmerksam machen; denn es seien die teilweise Jahrhunderte alten Männlichkeits- und Weiblichkeitskonzepte, die dahinter stehen. „Leider wird auch heute wird immer noch so getan, als sei soziale Ungerechtigkeit etwas Biologisches. Natürlich gibt es biologische Unterschiede, aber wie stark man diese Unterschiede konnotiert, wie man Kinder erzieht, wie oft Frauen gesagt wird, dass sie kein Mathe können, nicht logisch sind, das macht es doch aus. Es gibt immer noch rosa und blau, und den Jungs Röcke anziehen in der Schule, das geht alles nicht.“

Wenn die Argumente ausgehen, liegt’s an den Genen

„Bei Diskussionen über Benachteiligungen von Kranken oder bildungsfernen Schichten würde niemand so argumentieren, aber bei Frauen geht es plötzlich um eine biologistische Argumentationsweise. Wenn sonst nichts mehr geht, dann liegt es an Genen. Das macht mich sehr wütend.“

Körperliche Unterschiede dürften nicht länger als Begründung für weibliche Karrieren herangezogen werden. „Dass Frauen besser pflegen können oder Männer besser bauen können, ist immer noch so tief verankert. Doch sobald man das anspricht, heißt es, jetzt hab dich nicht so, jeder soll das machen, was er gut kann. Aber was kann denn jemand gut? Was man jetzt vielleicht nicht kann, kann man doch noch lernen.“

In diesem Rahmen müsse auch die gesellschaftliche Anerkennung und Bezahlung der verschiedenen Tätigkeiten und Berufsfelder diskutiert werden. „Warum werden z.B. Pflegeberufe oder sogenannte frauentypische“ Berufe schlechter bezahlt und als oft lapidar abgestempelt?“

Die Zukunft ist weiblich

Als Geschäftsfeldmanagerin arbeitet Elisa Marchese mit ihrem Team daran, bessere Bedingungen für Frauen zu schaffen, die wieder in den Beruf einsteigen wollen. Dabei setzt die FCZB-Frau auf Inhalte, gute Lernmöglichkeiten und ganzheitliches Lernen. „Ich möchte Frauen fördern und stärken. Dafür setze ich mich ein.“

Das FCZB bietet folgende Fortbildungen für den Wiedereinstieg an:
Content- und Social-Media-Managerin
IT- und Medienkompetenz für den Berufsalltag
IT-Know-how für den Wiedereinstieg
Medienkompetenzen und Work-Life-Balance

Topics: 30 Jahre FCZB, Arbeitswelt & Weiterbildung, Social Media, Wiedereinstieg | 1 Kommentar »

Ein Kommentar to “Starke Frau – für starke Frauen”

  1. Starke Frau – für starke Frauen | wechselwissen meint:
    17.Oktober 2014 at 21:24

    […] Starke Frau – für starke Frauen […]

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