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    PR Teil II – Die neue Unschuld der privaten Meinung

    Von Redaktion | 21. Juli 2009

    Dass man seltsam wird mit fortschreitendem Alter, ist ja eine allgemein bekannte Tatsache. Noch vor wenigen Jahren hätte ich niemals Franz Josef Strauß zitiert. Heute hingegen gehört es zu meinen liebsten Freizeit-Beschäftigungen, den Fernseher einzuschalten, auf Phoenix zu zappen und dort alte Bundestagsdebatten anzuschauen. Das ist entspannend und ungemein unterhaltsam und verführt sofort zu der Aussage: Redekultur war früher, heute ist phantasielose Häme. Eine Stunde Bundestag aus den 70er Jahren füllt den Zitatschatzkasten für das nächste halbe Jahr. In einer der Debatten – es ging wohl um die Ostverträge – sagte Strauß "Jeder kann denken, aber vielen bleibt es erspart."

    Das Zitat erinnert an ein weiteres, dessen Urheber ich nicht ermitteln konnte: "Ich habe zwar keine Ahnung, aber eine Meinung." Das wiederum ist eine passende Umschreibung für die Art des Schreibens, wie es in vielen Blogs kultiviert wird. Erstaunlicherweise genießen Blogs ja einen relativ hohen Glaubwürdigkeitsgrad. Dass Blogs in der Sache häufig eher schlampig recherchieren (nein, nicht alle), scheint ihrem Ruf nicht zu schaden. Dafür sind sie ja, so der allgemeine Glaube, authentisch. Wer bloggt, wird nicht bezahlt und ist daher unverdächtig. Privater Meinungsäußerung wird unterstellt der Manipulation enthoben zu sein. Solch angenommener Idealismus ist einer der Gründe für die große Attraktivität von Web2.0-Medien. Und die neue Begeisterung fürs öffentlich ausgestellte Private schlägt sich, so scheint es, bis hinein in die Printmedien nieder. Auch Leser/innenbriefe genießen plötzlich ein ganz neues und hohes Ansehen, weil hier ja nicht bezahlte Meinungsmacher (=Journalist/innen), sondern private Meinungshaber sprechen.

    So lässt sich jedenfalls erklären, weswegen immer mehr PR-Agenturen dazu übergehen, PR über Leserbriefe, Blogs, Blogkommentare und die Bearbeitung von Wikipedia-Einträgen zu betreiben – unter dem unschuldigen Meinungsdeckmantel von Lieschen Müller und Hänschen Schmidt versteht sich. Gerade Wikipedia ist ja seit geraumer Zeit zum wichtigsten Nachschlagewerk aufgestiegen. Und ihr haftet nach wie vor der Ruf an, hier würden Privatmenschen ihr Wissen unbezahlt und idealistisch der Welt zur Verfügung stellen. So ist es auch gedacht und so viel Popularität plus Glaubwürdigkeit macht die Online-Enzyklopädie natürlich rasend attraktiv für die PR. Und es häufen sich die Fälle, in denen Firmen, Organisationen, Parteien entweder selbst oder via PR-Agenturen Wikipedia-PR für die eigene Sache betreiben. Schon kürzlich erwähnten wir hier die Aktivitäten der Agentur EPPA für Bahn und das Greenwashing von Ökosprit.  Nun war gerade zu lesen, dass Atomkraftgegner und Befürworter in der Wikipedia einen heftigen Kampf miteinander führen. Solche Edit Wars, wie sie bei Wikipedia genannt werden, sind unbestritten gelebte bzw. geschriebene Demokratie. Ob am Ende die Wahrheit stehen bleibt, ist freilich zweifelhaft.

    Die IPs, die unter Wikipedia-Änderungen immer dann stehen, wenn ein nicht registrierter User sie durchgeführt hat, lassen sich übrigens auf der Seite CoolWhois auf ihren Standort zurückführen. Und während private User normalerweise mit einer – dann nicht weiter rückführbaren IP – ihres Providers (also der Telekom, Arcor, Versatel….) auftauchen, haben Unternehmen eine feste IP. Wer klug manipuliert, lässt sich so leicht natürlich nicht erwischen. Aber die einen oder anderen erwischten Dummköpfe zeigen, dass es mit der Unschuld der privaten Meinung und des privaten Wissens nicht immer allzuweit her ist.

     

    Topics: Bildung & Politik, Community Kultur | Kein Kommentar »

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